Glasklares Eis, das leise im Glas knistert, sich beim Schmelzen langsam dreht gemischt mit der Passion für einen Beruf, der ebenso geheimnisvoll, wie geschichtenumwittert ist — Schumanns Bargespräche entführt den Betrachter auf eine Weltreise an berühmtesten die Theken großer Metropolen.

Schumanns München

Den Namen Charles Schumann in München nicht zu kennen, ist als ob man den Charakter des ewigen Stenz nicht kennt, auch wenn der genau das Gegenteil von Schumann darstellt. Beide gehören irgendwie zu Seele dieser Stadt. Kennt man sie nicht, wohnt man zwar hier, aber egal ob man nun zum Kreis derer gehört, die in Schumann’s Bar ein- und ausgehen oder nicht, man hat den Charakter Münchens noch nicht so ganz erfasst.

Aber fangen wir ganz vorne an. Es ist ein verregneter Sonntag Nachmittag. Zu schade zum zu Hause bleiben, eigentlich zu nass zum rausgehen.

Ich entschließe mich um die Ecke in’s ARRI Kino zu gehen. Schumanns Bargespräche schauen. Nach einer kurzen Recherche online hatte mich der Trailer neugierig gemacht. Die Nässe und Kälte kriecht mir langsam in den hochgezogenen Kragen. Schnell haste ich in das Foyer des stadtbekannten Kinos des Unternehmens, das eigentlich für den Verleih von Profiausrüstung für Film- und Fernsehproduktionen bekannt ist.

Das ARRI Kino

Im Inneren eine bunte Mischung von Menschen, wie sie eigentlich aus Schumann’s Bar selbst stammen könnten. Extrovertierte Herren mittleren Alters erzählen ihren interessiert wirkenden, viel jüngeren Begleiterinnen von der Kunstwelt Münchens. Eine ältere, elegante Dame mit schneeweißem Haar steht an der Theke und trinkt einen Espresso. Ein junges Pärchen, wohl so Mitte zwanzig, er mit umgedrehter Basecap, sie mit einer deutlichen Vorliebe für aufgestickte Polopferde stehen geduldig vor der Saaltüre. Riesige Filmscheinwerfer leuchten von der Decke. Dann geht die Türe auf. Die Reihen setzen sich langsam in Bewegung. Der Saal füllt sich. Ohne sich mit viel Werbung aufzuhalten, beginnt der Hauptfilm.

Schumann im Hofgarten, ©Niv Abootalebi

Marieke Schroeder hat mit Ihrem Film, der die Münchner Barlegende Schumann in Bars um die Welt begleitet, ein Werk geschaffen, das einen fasziniert. Ich ertappe mich dabei, wie ich mit auf die Oberschenkel aufgestützten Ellenbogen, den Kopf mit beiden Händen haltend nach vorne gebeugt in meinem Kinosessel den Gesprächen auf der Leinwand folge. Streckenweise habe ich den Eindruck, Charles Schumann ringt um die richtigen englischen Wörter um sich auszudrücken. Dann wieder spricht er plötzlich spanisch. Dabei wirkt er entspannt und mit den Einheimischen vertraut wie der langjährige Konsul in einer Auslandsvertretung, der schon viel zu weit in die lokale Gesellschaft eingetaucht ist, um eine neutrale Distanz zu wahren.

Die Menschen

Überhaupt hat Schumann bei seinem Besuch seiner Kollegen etwas Erhabenes und Nahbares zugleich. Seine Kollegen sprechen mit ihm, wie mit einer Institution. Erzählen mit leuchtenden Augen, dass sie sein bekanntes Rezeptebuch wie eine Bibel bis zur völligen Auflösung in der Bar benutzt haben. Und dennoch wirken sie dabei, als sprächen sie mit einem alten Freund.

Die Eindrücke

Schumanns Bargespräche lebt von den Bildern, dem Licht und den Stimmungen. Er entführt den Betrachter nach New York, Paris, Havanna und Tokio. Dabei charakterisiert er die Städte durch ihre Bars. Surreal wirkt die Szene im Innenhof eines klassischen japanischen Gebäudes. Schumann sitzt wie ein Riese einer japanischen Dame mit Sonnenschild gegenüber. Diese nippt wortlos an ihrem Getränk. Diese Bilder faszinieren und irritieren zugleich. Oder aber als er auf Kuba von einem Weggefährten Hemingway’s von dessen typischer Tagesroutine erfährt.

Schumann mit Japanerin, ©Niv Abootalebi

Der Film hinterlässt einen Eindruck, eine Stimmung. Er macht Lust hinauszugehen und etwas über Menschen zu erfahren. Schumanns Neugier wirkt ansteckend. Wenn ich sagen müsste, ob ich jemals etwas gesehen habe, was eine ähnliche Stimmung ausgelöst hat, würde ich sagen: “Lost in Translation”. Ähnlich wie in diesem Film ist es nicht das Gesagte, die das Besondere ausmachen — Es sind die Eindrücke, die Situationen, die Blicke.

Das Fazit

Dennoch, für diesen Film muss man sich Zeit nehmen. Es ist nicht der Film um ihn stückchenweise in der U-Bahn auf dem Smartphone zu schauen. Ähnlich wie bei einem Barbesuch muss man sich auf die Stimmung einlassen. Tut man dies, wird man 109 Minuten erleben, die lange nachwirken.

Bilder: FilmPressKitonline, ©Niv Abootalebi

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Manfred Gürich

Spätberufener Student mit Vorliebe für die kulinarische Weltkarte. Trotz Tauch-, Boots- und Flugschein bin ich wohl nicht zum britischen Film-Geheimagenten geeignet, da ich nie gelernt habe Ski zu fahren. Ich könnte niemals „nein“ zu einem Espresso sagen und hasse den Geschmack von Zimt.

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