Wer bis heute nichts von Pokémon Go mitbekommen hat, lebt unter dem größten Stein, den die Menschheit je gesehen hat. Denn so ziemlich jedes Online- und Print-Medium hat exzessiv darüber berichtet. Der Hype um die App könnte also nicht größer sein. Als “Early-Adopter” habe ich nun 10 Tage mit der App verbracht und hab erstaunliche Entdeckungen gemacht.

Liebe oder Hass!

Pokémon Go startete am 07. Juli im US-amerikanischen, australischen und Neuseeländischen App Store. Allein in diesen drei Ländern war der Ansturm so groß, dass die Server, auf denen die App läuft, zusammen gebrochen sind. Geographische Einschränkungen haben zudem ausländische User nicht davon abgehalten, das Spiel herunterzuladen (ich benötigte einfach nur eine Apple-ID aus dem jeweiligen Land). Das hat der Serverauslastung natürlich nicht geholfen.

In der Regel läuft Pokémon Go ohne Probleme
In der Regel läuft Pokémon Go ohne Probleme

Spätestens als das Spiel auch kurze Zeit später in Deutschland erhältlich war, ist die Berichterstattung durch die Decke gegangen. Wirklich jedes Portal (sogar Red Bull?!) hat seinen Senf dazu gegeben und sämtliche News rausgehauen. Die ganze Welt hat also darüber gesprochen und es gab kein entkommen. Kein Wunder also, warum viele davon genervt sind und plötzlich eine Meinung dazu haben.

Das ist eines der Phänomene, die die App mitbringt, und die Nutzer direkt betrifft. Es ist ziemlich schnell eine Zweiklassen-Gesellschaft entstanden – entweder man spielt und liebt die App, oder man hasst sie (egal ob ausprobiert oder nicht). So gibt es genügend Beispiele, wo angehende Pokémon-Meister von Leuten angepöbelt wurden, zu Unrecht wie ich finde! Um die Diskussion an dieser Stelle zu beenden: lasst doch die Leute, die tatsächlich raus gehen und die Umgebung erkunden, statt den ganzen Tag vorm Computer oder dem TV zu sitzen, ihren Spaß haben – auch wenn es genau genommen ein Spiel ist!

Pokémon Go Spieler werden gerne mal angepöbelt
Pokémon Go Spieler werden gerne mal angepöbelt

Steiler Grat zwischen Ekstase und Frustration

So jetzt kommen wir mal zu Pokémon Go selbst. Manch einer wird sagen, dass ich voreingenommen bin, da ich schon seit Anfang an (also rote und blaue Edition) dabei bin. Trotzdem bin ich skeptisch, was solche Spiele angeht, besonders wenn es Apps sind. Aber ich muss sagen, dass diese App erfrischend gut ist. Sie ist immerhin die erste, die es schafft ein Spiel mit der Realität zu verschmelzen, ohne, dass man dafür eine VR-Brille tragen muss.

Wer das Spiel richtig spielen will (ohne zu tricksen), der muss sich auf einige Kilometer zu Fuß einstellen. Denn die Pokémon verstecken sich (in der Regel) nicht in deiner Wohnung oder im Büro. Wer eins vom Typ Wasser fangen will, muss sich in die Nähe eines Gewässers begeben. Das Selbe gilt für Käfer, die eher in Waldgegenden erscheinen. Und dann gibt es noch die Eier, die man durch Schritte zum schlüpfen bringt. So muss man zwischen zwei und zehn Kilometer laufen, um zu erfahren, welches Pokémon sich darin verbirgt. Leider ist die App so schlau, dass sie Fahrten mit Auto, Bus usw. nicht mitzählt, da die gelaufene Strecke durch den Pedometer des Smartphones und dem GPS-Signal ermittelt wird.

So weit so gut, das Spiel hält einen auf Trab. Die App lässt aber gleichzeitig schnell mal Frust aufkommen. Denn wenn man tatsächlich mal auf der Suche nach Pokémon ist, dann kommt es oft vor, dass man entweder keine oder immer die Selben sieht. Was für das Spiel natürlich nachvollziehbar ist, kann für viele, die nur wenig Zeit haben, zum “No-Go” werden. Außerdem sind da die nervigen Serverprobleme. Nintendo hat wohl nicht mit einem solchen Ansturm gerechnet, weswegen die App gerne mal abstürzt, hängen bleibt oder einen nicht mehr reinlässt. Heutzutage sind solche Aussetzer oft das Todesurteil – aber der Hype ist so gewaltig, dass viele es bislang noch hinnehmen.

Sozial und von touristischem Wert

Was man der App auf jeden Fall zugute schreiben muss, ist, dass sie Leute zusammenbringt. Ich habe es noch nie erlebt, dass fremde Leute egal welcher Altersklasse in Gespräche verwickelt sind, in denen es um die Fangorte von diversen Pokémon geht. Seien es Kinder unter sich, ein Polizist bei der Verkehrskontrolle (yep, das ist passiert) oder ein (fast-)Rentner, der grad so weiß, wie ein Smartphone funktioniert.

Am krassesten sind aber die Flash-Mobs, wo sich gar hunderte Leute treffen, um gemeinsam auf die Suche nach Pokémon zu machen. So auch kürzlich in München, bei der ersten Pokémon Safari. Da kann man einen Außenstehenden schon verstehen, wenn sein erster Gedanke “What the Fuck?!” ist. Aber wie oben schon angemerkt, lasst die Leute ihren Spaß haben!

Die erste Pokémon Go Safari München
Die erste Pokémon Go Safari München

Schließlich ist mir die Idee gekommen, die App als City-Guide zu nutzen. Es ist ja so, dass es in der App gewisse “PokéStops” gibt, die in der Regel an interessanten Orten angebracht sind. Wenn man also in einer fremden Stadt unterwegs ist, kann man sich an diesen Spots orientieren, um neue Orte entdecken, die eventuell im Reiseführer nicht vermerkt sind. Erst kürzlich war ich bei einem PokéSpot bei einem Haus, das in erster Linie nicht besonders aussah, sich aber am Ende als ein Wahrzeichen der Stadt herausstellte. Klar, solch ein Gebäude interessiert eher Kultur- oder Geschichtsfanatiker. Nichtsdestotrotz ist das Tourismus-Potenzial da und ich werde das defintiv in einer fremden Stadt mal ausprobieren!

An app here to stay

Mein Fazit ist demnach klar: die App ist für mich eines der Highlights im Jahr 2016. So wie sie sich jetzt gezeigt hat, werde ich noch mehrere Monate damit verbringen und noch viele Kilometer investieren, um der Allerbeste zu sein, wie keiner vor mir war. Und irgendwann sind meine Pokémon auch stark genug, um die Arenen zu bezwingen. Ich bleibe definitiv am Ball!

 

Richard Wiswesser

In München geboren und trotzdem als "Preiß" abgestempelt, Fußballer mit Leib und Seele (wenn auch semi erfolgreich), absoluter Tech-Nerd mit Vorliebe für Apple und Smart Home, zocke hauptsächlich FIFA und Action Adventure Spiele wie „Zelda“ und „Uncharted“, und wenn ich mir eine Superkraft aussuchen könnte, dann wäre es, die Zeit zu kontrollieren.

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